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Unter beobachtung


Weil die Freunde schon länger nicht mehr zusammengekommen waren, hatte Frieda zum gemeinsamen Kekse backen in ihren Fuchsbau eingeladen. Winterliche Treffen bei Frieda waren eine liebgewonnene Tradition. Der Fuchsbau bot für alle Freunde genügend Platz im Warmen. Am Kamin wärmten sich bereits Henriette Hase und Nils Nepomuk Nachtpfauenauge. Lasse Laubfrosch, Igor Igel und Frieda waren damit beschäftigt, in Friedas kleiner Küche Platz zu schaffen. Sie trugen die beim Backen überflüssigen Stühle hinaus in andere Zimmer. Nur Ferdinand Fischadler fehlte noch.
Als die beiden Möbelpacker Igor und Lasse gerade wieder am Kamin Platz genommen hatten, klopfte es endlich an der Eingangstür. Frieda öffnete Ferdinand und ließ ihn hinein. Wie schon alle anderen Neuankömmlinge wurde auch Ferdinand herzlich begrüßt. Als er sich seufzend in einen besonders bequemen Sessel am Kaminfeuer setzte und seine kalten Vogelbeine genüsslich der Wärme entgegen streckte, fiel Henriettes Blick auf etwas, das sie an Ferdinand noch nie zuvor gesehen hatte.



„Ferdinand, was hast du denn da?“, fragte sie und deutete mit dem Finger auf zwei kleine Plastikringe.
„Ach, das hab ich euch ja noch gar nicht erzählt! Leute, ihr glaubt nicht, was mir passiert ist!“, stöhnte Ferdinand. Sofort hatte er die volle Aufmerksamkeit. „Ich war doch vor ein paar Wochen bei meinem Kumpel Fritz auf Hiddensee zum Fischen“, begann er. „Das war ganz schön, bis wir eines Abends zurück zu seinem Horst fliegen wollten. Da stand irgendwo mitten in der Einflugschneise so ein doofes Netz aufgespannt und ich bin natürlich voll hinein gebrettert. Fritz hat’s irgendwie geschafft, rechtzeitig abzudrehen.“
Die Freunde blickten alle sehr erschrocken. Henriette fragte aufgeregt: „Und was ist dann passiert? Wie bist du entkommen?“
„Gar nicht“, antwortete Ferdinand. „Ich hatte mich ganz schön in dem Netz vertüddelt. Da wäre ich überhaupt nicht allein wieder herausgekommen. Aber bevor ich so richtig in Panik geraten konnte, kamen ziemlich schnell zwei Menschen und haben mich aus dem Netz herausgeholt.“
„Oh, nein!“, rief Lasse, der sofort an die französische Küche mit Froschschenkeln und solchen Dingen dachte. „Was wollten die von dir?“
„Weiß auch nicht so genau. Die haben ein bisschen an mir herumgezupft. Ich hab gar nicht mitbekommen, was die gemacht haben. Irgendetwas an meinem Flügel vermessen, glaube ich. Das ging alles ganz schnell. Und plötzlich war ich wieder frei!“


„Haben die dich etwa wieder freigelassen?“, fragte Frieda ungläubig.
„Ja, komisch, oder? Es ist nichts Schlimmes passiert. Ich hab nicht eine einzige Feder eingebüßt. Nur diese komischen Plastikringe werde ich nicht wieder los“, antwortete Ferdinand und zappelte mit beiden Beinen, als wolle er die Ringe abschütteln.
„Die Ringe sind vielleicht Fußfesseln mit Sträflingsnummer!“, scherzte Nils.
Ferdinand lachte mit ihm, blickte dann von seinen eigenen Beinen hoch in die Runde und fuhr fort: „Ich glaub, mit den Ringen kann ich ganz gut leben. Kein Problem!“
„So eine seltsame Begegnung mit Menschen hatte ich auch schon einmal“, berichtete Lasse. „Erst fangen sie dich und dann lassen sie dich gleich wieder frei. Verstehe ich auch nicht.“
„Wie? Dich hat auch schon mal jemand gefangen?“, fragte Frieda überrascht.
„Das ist schon eine ganze Weile her. Habe ich das damals etwa nicht erzählt?“, wunderte sich Lasse. „Bei mir war das eigentlich ganz ähnlich wie bei Ferdinand. Ich konnte nicht weiter, weil ein grüner Zaun im Weg stand. Gerade so hoch, dass ich nicht drüberhüpfen konnte. Und als ich am Zaun entlang gehüpft bin, um zu gucken, ob man nicht doch irgendwo daran vorbei oder drüber kann, fiel ich auf einmal in ein Loch.“


Henriette entfuhr ein ganz kleines Geräusch des Erschreckens. „Das Loch war nicht so tief, dass einem etwas hätte passieren können“, beruhigte Lasse sie sofort. „Aber ich wäre auch aus eigener Kraft nicht wieder aus dem Loch herausgekommen, wenn nicht irgendwann ein Mensch gekommen wäre. Das hat aber bei mir eine ganze Weile gedauert.“
„Hattest du keine Angst, dass du in dem Loch verhungern musst oder so?“, fragte Igor.
„Nein, ich war nämlich nicht lange allein in dem Loch. Bald fielen nacheinander fünf Kröten zu mir hinunter. Einige der Kröten kannten diese Sache mit dem Zaun und den Löchern schon. Das waren übrigens eingegrabene Plastikeimer, diese Löcher. Die Kröten haben mir erzählt, dass der grüne Zaun ein sogenannter Krötenzaun ist, um die wandernden Amphibien davon abzuhalten, auf die Straße zu laufen und dort von einem Auto überfahren zu werden. Jedes Jahr stellen die Menschen den Zaun und die Eimer auf. Und regelmäßig kommt ein Mensch vorbei und leert die Eimer auf der anderen Straßenseite aus. Die Kröten hatten überhaupt keine Angst. Die waren sogar ziemlich begeistert und nannten das Ganze „Eimertaxi“. Also hab ich relativ entspannt mit den Kröten gequatscht und gewartet, bis dieser Mensch endlich kam. Und der hat das genauso gemacht, wie die Kröten es erklärt hatten. Er hat uns bloß einmal durchgezählt und dann einfach wieder freigelassen.“


„Das mit dem Durchzählen, das kenne ich auch!“, rief Henriette. „Ab und zu kommen die Menschen mit ihren grellen Lichtern mitten in der Nacht auf die Felder und leuchten einmal alles ab, so dass man völlig geblendet wird und halb blind stehen bleiben muss. Aber dann zählen die Menschen uns Hasen nur und gehen einfach weiter. Warum zählen die uns wohl?“
„Keine Ahnung“, meinte Frieda. „Ungewöhnlich ist das schon, dass die Menschen sich so für uns interessieren. Ich hab nachts mal auf einem Streifzug durch die Nachbarschaft plötzlich so ein klickendes Geräusch gehört. Als ich mich umgesehen habe, habe ich im Gebüsch so ein Menschengerät gefunden, das wahrscheinlich Fotos gemacht hat. Ich frag mich bloß, wer solche Fotos haben will. Ein Fuchs, der nachts durch die Gegend läuft. Ist doch ziemlich langweilig als Fotomotiv, findet ihr nicht?“
„Frieda, dir steht wahrscheinlich eine große Karriere als Fotomodel bevor“, grinste Igor, der neben Frieda saß. Er legte ihr einen Arm um die Schultern und sagte in einem ganz ernsten Tonfall: „Frieda, ich mache einen Star aus dir!“ Alle lachten.
„Igor, du kennst dich doch mit Menschen ein bisschen aus, oder? Verstehst du das alles?“, fragte Ferdinand schließlich.
„Ich weiß nur, dass sich manche Menschen um manche Tiere ganz gerne kümmern. Ich gehe ja im Herbst immer gerne in die Gärten und lass mich da blicken. Dann kriegt man oft etwas zu futtern von den Menschen. Manche versuchen zwar einen mit Milch zu vergiften“, bemängelte Igor mit angewidertem Gesicht. „Aber man findet auch häufig Katzenfutter, was ja ganz lecker ist. Zum Glück hat mich noch nie ein Mensch eingesammelt und zum Tierarzt gefahren. Das ist ja meinem Opa mal passiert, nur weil er ein wenig mager aussah.“


„Da sieht man es mal. Es ist für einen Igel ganz ungesund, allzu dünn zu sein!“, stichelte Ferdinand freundschaftlich. Igor sagte dazu zwar nichts, grinste aber und zeigte bedeutungsvoll auf Ferdinand, als hätte der gerade eine große Weisheit von sich gegeben.

Igor fuhr dann an Nils gewandt fort: „Bist du eigentlich schon mal von Menschen eingefangen worden?“ Der antwortete verwundert: „Nee, wieso? Kriegen Nachtpfauenaugen etwa auch solche Ringe verpasst?“ Er zeigte auf Ferdinands beringte Beine. „Die kann ich aber nicht tragen und dann noch fliegen!“
„Nein, Falter werden nur gefangen, angeguckt und wieder freigelassen“, erklärte Frieda. „Das weiß ich, weil ich die Menschen dabei nachts einmal beobachten konnte. Die Menschen hatten damals am Waldrand so ein helles Ding aufgehängt. Da sind die ganzen Nachtfalter natürlich hingeflogen. Und irgendwie sind die dann in dem hellen Kasten gefangen worden. Die Menschen haben die Falter rausgeholt, ganz genau aus der Nähe angeguckt und dann wieder freigelassen. Und ich hab noch belauscht, dass die Menschen ganz begeistert miteinander geredet haben, wie viele unterschiedliche Falterarten es gibt. Ich glaub, die waren nur neugierig.“
„Ja, das kann ich nur bestätigen“, warf Lasse ein. „Neugierig sind die Menschen allemal. Und viele helfen den Tieren und schützen die Natur, wo sie nur können. Aber man muss trotzdem vorsichtig bleiben. Ein paar Menschen sind nämlich weniger nett. Ich sag nur „französische Küche“!“
„Und ich sag nur „Insektensammler“!“, fügte Nils hinzu. Auch Henriette sagte ein Wort: „Pelzläden!“
„Ich könnte mir auch vorstellen, dass Ferdinands Ringe irgendwie dazu dienen sollen, dass man Ferdinand besser im Auge behalten kann“, mutmaßte Frieda. „Vielleicht haben die Menschen sich die Nummer aufgeschrieben, um dich leichter wiederfinden und beobachten zu können, genauso wie mich in dieser Nacht damals.“


„Sollen sie doch!“, meinte Ferdinand. „Inzwischen finde ich die Ringe ganz stylisch. Damit wirkt man doch irgendwie verwegen, meint ihr nicht auch?“ Dabei hob er seine Beine wieder Richtung Kamin, drehte sie leicht hin und her und betrachtete die Ringe wohlwollend von allen Seiten.
Alle grinsten und Igor fragte: „Kommt es denn für einen so verwegenen Typen in Frage, jetzt mit uns Kekse zu backen? Oder ist das zu uncool?“ „Kekse gehen immer!“, rief Ferdinand und sprang auf die Beine. Er lief los zur Küchentür und setzte hinzu: „Ich steche die Sterne aus!“ Schnell liefen alle hinterher und die Backschlacht begann.


Quelle:
Ina Wosnitza
Naturschutz & Naturparke, Heft 227
Mitgliederzeitschrift des Vereins Naturschutzpark e.V. (VNP)
>www.verein-naturschutzpark.de


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